Kapstadt.com
 

Der heimliche Ölkonzern aus Südafrika

 
Deutsche Technik hat den Petrochemie-Riesen Sasol zu einem Weltunternehmen gemacht. Von Wolfgang Drechsler
 
Völlig unvermittelt ragt der Wald aus Stahlrohren und Schornsteinen bei Secunda aus dem sonnenverbrannten Highveld, 120 Kilometer östlich von Johannesburg. Wo bis vor 30 Jahren nur Steppengras wucherte, steht heute ein gigantischer Industriekomplex. Es ist die Zwillingsanlage 2 und 3 des südafrikanischen Öl- und Petrochemiekonzerns South African Synthetic Oil Limited - kurz Sasol -, und sie dient der Gewinnung von täglich 160.000 Barrel Öl aus Kohle nach einem 1925 von den Mühlheimer Chemikern Franz Fischer und Hans Tropsch patentierten Verfahren. Dabei werden flüssige Kohlenwasserstoffe aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff hergestellt. Das Synthesegas kann aus Kohle aber auch aus Erdgas gewonnen werden. Im Zweiten Weltkrieg ließ das Naziregime auf diese Weise jährlich rund 600.000 Tonnen Synthetik-Sprit produzieren.
 
Dass der aufwendige Prozess mit seinen gut ein Dutzend Zwischenstufen nur in Südafrika dauerhaft Anwendung fand, hat historische und geologische Gründe: Kaum ein Land war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts international derart geächtet und von einem Ölboykott bedroht wie der damalige Apartheidstaat. Kein anderes Land verfolgte deshalb, die wirtschaftlich lange Zeit völlig unrentable Technik der Kohle- und Gasverflüssigung so hartnäckig, wie Südafrikas weiße Minderheitsregierung und der 1952 von ihr zu diesem Zweck gegründete Konzern Sasol. Zur Hilfe kam ihnen dabei, dass die Bedingungen zur Förderung billiger Kohle fast nirgendwo so günstig wie im Osten der Kaprepublik sind.
 
In nur 200 Meter Tiefe lagern hier mehr als zwei Milliarden Tonnen Kohle in bis zu sechs Meter breiten Flözen. In gewisser Weise ist die Kaprepublik das Saudi-Arabien für Kohle. Heute zahlt sich die Ausdauer in barer Münze aus: Sasol hat das Fischer-Tropsch-Verfahren so weit verfeinert, dass die Produktion hochprofitabel ist. Inzwischen funktioniert sie auch mit Gas. Aus dem einstigen Bollwerk der Apartheid ist ein echter „Global Player“ geworden. Sasol ist unbestrittener Marktführer bei der Umwandlung schwer zugänglicher Gasreserven in leichter verwendbare Energieformen wie Dieselkraftstoff und Benzin. Knapp 40 Prozent der am Kap verkauften Kraftstoffe werden heute von Sasol erzeugt und haben der Kaprepublik damit in Energiefragen eine Teilautarkie beschert. Firmenchef Pat Davies, der vor einem Jahr den langjährigen Sasol Boss Pieter Cox beerbte, hat dessen globale Strategie beibehalten und ausgebaut.
 
Seit der politischen Öffnung des Landes vor zehn Jahren sind die Auslandsgeschäfte Jahr für Jahr um mehr als 30 Prozent gestiegen und steuern inzwischen die Hälfte zum Gesamtumsatz des Konzerns bei. Bis 2010 will Sasol pro Jahr bis zu 20 Milliarden Rand (2,2 Milliarden Euro) in neue Projekte pumpen. Zehn Milliarden Rand sollen dabei in zwei Anlagen in China fließen, sechs Milliarden Rand in Projekte in Indien. Kein Wunder, dass Sasol inzwischen ins Visier internationaler Ölkonzerne geraten ist. Nach Meinung von Beobachtern hat das Unternehmen bei der Umwandlung von Gas und Kohle in Öl einen Entwicklungsvorsprung von bis zu vier Jahren gegenüber der Konkurrenz. Wegen seiner strategischen Bedeutung für Südafrika dürfte die Regierung aber eine Übernahme durch die Konkurrenz mit allen Mitteln zu verhindern suchen. Die bislang für die Verflüssigung genutzte Kohle wird mittlerweile immer mehr durch Gas ersetzt, das bei der Erdölförderung oft als Nebenprodukt anfällt.
 
Im arabischen Katar hat Sasol zusammen mit Chevron Texaco gerade eine Anlage in Betrieb genommen; die Partner wollen hier zum Jahresende rund 34.000 Barrel (je 159 Liter) pro Tag produzieren. Bis zu einem Ölpreis von zwölf Dollar pro Barrel sei die Anlage rentabel. Eine weitere Anlage in Nigeria soll ab Anfang 2008 in Betrieb gehen. Auch der Iran, Algerien und Australien haben Interesse bekundet. Inzwischen testet aber auch die US-Luftwaffe synthetischen Treibstoff aus Kohle, Gas und Biomasse. Der gerade angelaufene Versuch gilt als Meilenstein bei den Bestrebungen der Bush-Regierung, die eigenen Streitkräfte verstärkt von ausländischen Öllieferungen unabhängig zu machen. Bis 2016 wollen die USA die Hälfte des Flugzeugtreibstoffs für sein Militär aus alternativen Quellen beziehen. Denn im Vergleich zu Verkehrsflugzeugen verbrauchen Militärjets mehr Kerosin. Für 2008 beziffert die US-Luftwaffe ihren Bedarf auf rund 380 Millionen Liter.
 
Trotz der zunehmenden Bedeutung des südafrikanischen Konzerns für die weltweite Rohstoffversorgung bekommt Sasol seit Jahren fast nur Gegenwind von der Regierung am Kap. Zunächst beklagten sich die schwarzen Machthaber über den angeblich zu langsamen personellen Umbau des unter der Apartheid groß gewordenen Konzerns. Dabei sind bereits jetzt fast 40 Prozent der Posten im mittleren und höheren Management mit „historisch benachteiligten Südafrikanern“ besetzt, zu denen neben Schwarzen auch weiße Frauen zählen. Zudem versucht Sasol, den chronischen Mangel an Fachkräften durch die Ausbildung eigener Leute zu beheben. Kein Unternehmen am Kap verteilt mehr Universitätsstipendien, überwiegend an schwarze Studenten. Inzwischen hat Sasol auch drei seiner fünf Vorstandspositionen mit Schwarzen besetzt.
 
Jetzt erwägt die ANC-Regierung angesichts der hohen Profite des Unternehmens auch noch eine gesonderte Gewinnsteuer für Sasol. Denn Sasol hat dank höherer Treibstoffpreise gerade erst eine weitere Erhöhung des Reingewinns um 10% auf 10,37 Milliarden Rand erzielt. Dass der Gewinn nicht höher ausfiel, liegt an den hohen Abschreibungskosten von 2,8 Milliarden Rand bei der in Hamburg ansässigen Condea, die Sasol vor fünf Jahren für 1,3 Milliarden Euro vom deutschen Versorger RWE gekauft hatte. Das inzwischen in Sasol Chemie umbenannte Unternehmen soll nun zum Jahresende abgestoßen werden. Sasols Wurzeln in der Frühphase der Apartheid und die ihm zehn Jahre lang vom Apartheidstaat gezahlten Subventionen dürften der tiefere Grund für die fortgesetzten Angriffe des ANC sein. Azar Jammine von der Ideenschmiede Econometrix sieht vor allem ideologische Motive: „Es zeugt von dem tiefen Misstrauen, das der ANC noch immer gegenüber unternehmerischen Profiten hegt.“
 
Sasol will die Investitionen am Kap zurückschrauben, wenn die Sondersteuer tatsächlich kommen sollte. Allein 2005 hat der Konzern elf Milliarden Rand in den Ausbau seiner heimischen Geschäfte gesteckt; in den letzten zehn Jahren waren es über 70 Milliarden Rand. Seit Jahren gehört das Unternehmen zu den größten Steuerzahlern, 2005 hat es rund vier Milliarden Rand an den Staat abgeführt. Anderswo in der Welt wird Sasol geradezu hofiert: Katar hat dem Unternehmen für sein Engagement im Land zehn Jahre Steuerfreiheit garantiert und hohe Subventionen bereitgestellt. Aber auch andere Länder,darunter die USA, versuchen Sasol mit zahlreichen Anreizen ins Land zu locken.
 
Dass die Steuer vermutlich nicht kommen wird, hat Sasol den jüngsten Benzinengpässen in Südafrika zu verdanken. Bereits zu Beginn dieses Jahres kam es bei der landesweiten Umstellung auf bleifreies Benzin zu größeren Lieferproblemen. Jetzt will der südafrikanische Staat deshalb eine neue Kohleverflüssigungsanlage bauen – natürlich zusammen mit Sasol, das allein die Expertise dafür besitzt. Allerdings wird Sasol zu einer solchen Großinvestition wohl nur bereit sein, wenn der Staat ihm zuvor eine Reihe von Anreizen offeriert wie sie das Unternehmen inzwischen weltweit erhält. Die Kosten einer vierten Verflüssigungsanlage für die Herstellung von rund 80.000 Barrel pro Tag dürften sich auf mindestens fünf Milliarden US Dollar belaufen, Dabei würde es sich um die mit Abstand größte Einzelinvestition am Kap handeln. Vermutlich wird das Land um den Bau kaum herumkommen. Sasol hat bereits davor gewarnt, dass Südafrika bei dem von der Regierung angestrebten Wirtschaftswachstum von 6 Prozent pro Jahr bis 2011 eine neue Raffinerie mit einem Produktionsvolumen von etwa 150.000 Barrel am Tag benötigt.
 
Angesichts seiner Sonderstellung am Ölmarkt und der steigenden Nachfrage nach dem schwarzen Gold kann nicht verwundern, dass immer mehr ausländische Anleger das Unternehmen entdecken. Über ein Drittel seiner Aktionäre befinden sich bereits heute jenseits von Afrika, die meisten davon in den USA. Aber auch an der Frankfurter Börse, so ist zu hören, wird Sasol mittlerweile rege gehandelt.