Handelsblatt vom 10.Juli 2006
KAPSTADT. Nebelschwaden ziehen von der Strandpromenade über das Gelände mit den verwahrlosten Spielfeldern. Mittendrin liegt ein Fußballstadion, das schon bessere Tage gesehen hat. Der Putz blättert von der blauen Fassade, die Eingänge sind mit Stacheldraht verbarrikadiert. Hinter einem Busch gegenüber dem Haupteingang sitzen Landstreicher um eine Blechtonne, in der ein Feuer lodert.
Kaum vorstellbar: Genau hier, zwischen Kapstadts Atlantikküste und der nahe gelegenen City, soll in vier Jahren eines der Halbfinalspiele der Fußball-WM 2010 stattfinden.
Noch ist kein einziger Spatenstich für das geplante neue Stadion in Green Point getan. Noch ist unsicher, wer die Arena finanziert und wie sie genau aussehen soll. Eigentlich sollte Kapstadts Stadion ganz woanders entstehen – am Rande der schwarzen Townships. Doch dann wurde das Konzept kurzfristig über den Haufen geworfen.
Das Gezerre um die neue Fußball-Arena ist symptomatisch für die Vorbereitungen der WM 2010. Von den immer wieder beschworenen Fortschritten, die Organisationschef Danny Jordaan präsentieren will, ist mehr als zwei Jahre nach Vergabe der WM an Südafrika nicht viel zu sehen: Der Stadienneu- und -umbau stockt, Straßen- und Zugprojekte kommen nicht voran und werden viel teurer als gedacht, die Gewalt im Lande eskaliert – und die Planung ist zum Teil chaotisch.
Dennoch versprühte Staatschef Thabo Mbeki große Zuversicht, als er am Wochenende offiziell den Stab von Gastgeber Deutschland für sein Land übernahm. Sicher, die WM 2006 sei die beste aller Zeiten gewesen. „Aber wir werden unser Versprechen halten und in Südafrika die erfolgreichste WM aller Zeiten veranstalten“, tönte Mbeki am Freitag vor 800 Gästen im Berliner Tempodrom.
Sehr optimistische Worte. Auch wer mit den an der Organisation Beteiligten spricht, hört stets das Gleiche: Klar gebe es noch die eine oder andere Hürde, aber die Südafrikaner seien zäh und innovativ. Immerhin habe das Land bereits den Rugby-Worldcup glänzend organisiert und die Afrika-Meisterschaft vor zehn Jahren. Aber beide Veranstaltungen waren einige Nummern kleiner als eine Fußballweltmeisterschaft.
„Viele scheinen sich der Dimension einer Fußball-WM nicht bewusst zu sein. Es ist, als ob wir den Rugby- und Cricket-Worldcup und den Uno-Klimagipfel zur gleichen Zeit ausrichten“, warnt der Johannesburger Wirtschaftsexperte Tony Twine. Für eine Wirtschaft von der Größe Deutschlands, so Twine, sei die WM nur ein Pünktchen auf dem Radarschirm. Die deutsche Volkswirtschaft sei rund 40-mal größer als die südafrikanische – entsprechend stärker müsse sich die Kaprepublik auch strecken. Bislang haben nur zwei Länder eine WM ausgerichtet, die wirtschaftlich schwächer waren als Südafrika: Uruguay und Chile.
Eine lokale Sonntagszeitung hat offenbar wenig Vertrauen in die Stärke des Landes. Angeblich plane der Weltfußballverband Fifa, Südafrika das Topereignis zu entziehen und an Australien weiterzureichen, verbreitete sie vor kurzem. Als „völlig absurd“ bezeichnet die Fifa solche Überlegungen. „Wir sind fest entschlossen, die WM 2010 am vereinbarten Ort zu einem Erfolg zu machen und haben keine Ausweichpläne“, sagt Michael Palmer, der das Südafrika-Büro der Fifa leitet.
Gleichwohl ist die Regierung über die lauter werdenden Zweifel nicht amüsiert. „Wir leisten mit solchen Selbstzweifeln nur denen Vorschub, die glauben, Südafrika und Afrika seien per se unfähig, ein solches Großereignis zu organisieren“, sagt Regierungssprecher Joel Netshitenzhe. Besonders scharf kritisiert er den Telekommunikationskonzern Sentech und die neue Kapstädter Bürgermeisterin Helen Zille. Sentech hatte es gewagt, auf große Mängel bei der jahrelang vernachlässigten technischen Infrastruktur hinzuweisen. Und Zille hatte die Finanzen geprüft und die Frage aufgeworfen, ob sich Kapstadt die mit der Fifa eingegangenen Verpflichtungen überhaupt leisten könne. Dann legte sie die Pläne für das neue Stadion erst einmal auf Eis. Nie aber stellte sie die WM selbst in Frage.
Dennoch bleiben der genaue Standort des Kapstädter Stadions und seine Finanzierung umstritten. In diesem Monat soll endlich eine Entscheidung fallen.
Etwas weiter ist die Planung im Küstenort Port Elizabeth. Dort, in der Nähe eines kleinen Sees im Norden der Innenstadt, werden gerade viele alte Gebäude abgerissen. Das deutsche Architektenbüro GMP soll die umgerechnet rund 100 Millionen Euro teure Arena entwerfen. Die Hamburger haben auch den Zuschlag für das neue Stadion in Durban erhalten und rechnen sich gute Chancen für den Neubau in Kapstadt aus, der am Ende mindestens 150 Millionen Euro verschlingen dürfte.
Allein für diese drei neuen Stadien werden die Kosten wohl die Summe übersteigen, die für alle zehn WM-Arenen im Lande vorgesehen war. Insgesamt will Südafrika neben Durban, Port Elizabeth und Kapstadt auch noch das Stadion in Nelspruit neu bauen. Die sechs anderen Spielstätten sollen nur renoviert werden.
Probleme bereitet auch die Verkehrsinfrastruktur des Landes. Da es wenig Zugverbindungen sowie weder Straßenbahnen noch U-Bahnen gibt, ist der so genannte „Gautrain“ geplant. Doch die 80 Kilometer lange Schnellzugtrasse zwischen der Landeshauptstadt Pretoria, dem Industriemoloch Johannesburg und dessen internationalem Flughafen wird bis 2010 allenfalls zum Teil fertig sein. Brian Bruce, Chef von Südafrikas größtem Baukonzern Murray & Roberts, verkündete gerade, das Projekt sei schon wegen der notwendigen Studien zur Umweltverträglichkeit unmöglich in 48 Monaten zu schaffen. Außerdem soll der Zug nun 2,8 Milliarden Euro kosten, dreimal mehr als geplant.
Nicht nur deswegen glauben immer mehr Bürger, dass der Schnellzug mehr ein Prestigeprojekt ist und nicht die Transportprobleme der schwarzen Bevölkerung in den Vorstädten Johannesburgs löst.
Ob Verkehrinfrastruktur oder neue Stadien – ohne fremde Hilfe wird Südafrika die Vorbereitungen für die WM in vier Jahren wohl kaum in den Griff bekommen. Während der WM in Deutschland haben schon zahllose südafrikanische Delegationen die Fanmeilen, Pressezentren und die Organisation der Spiele genau untersucht, um für 2010 zu lernen. Außerdem sollen ihnen deutsche Fußballfunktionäre künftig helfen.
Sie brauchen auch Unterstützung, um die Kriminalität einzudämmen. Ausgerechnet jetzt, da die Welt auf Südafrika schaut, nimmt die Gewalt wieder zu. Erst vor zwei Wochen ereignete sich in Johannesburg ein Blutbad. Sechs Stunden lieferten sich Polizisten und Gangster ein Feuergefecht, bei dem zwölf Menschen umkamen. Auf der Stadtautobahn zum Kapstädter Flughafen kam es zeitgleich wieder zu Steinwürfen, bei denen ein Autofahrer tödlich verletzt wurde. Und nach einem öffentlichen Hilferuf musste die Regierung ausländischen Diplomaten zusätzlichen Schutz anbieten.
Trotz der Probleme bleiben viele Südafrikaner optimistisch. Sie vertrauen ihrem Pioniergeist, der in der Vergangenheit immer wieder Unmögliches noch möglich machte.
Zu ihnen gehört Howard Carpendale. Der in Durban geborene Schlagersänger will die WM in seiner alten Heimat fürs deutsche Publikum musikalisch untermalen. „Ich schwöre: Das wird eine absolute Traum-WM, was immer andere auch sagen“, sagte der 59-Jährige gerade erst aus der sicheren Entfernung seines Wohnsitzes in Florida/USA. „Ich kenne meine Leute von früher noch gut. Wenn die sich etwas in den Kopf gesetzt haben, dann machen die das auch richtig.“