Die WM-Vorbereitungen laufen auf vollen Touren
Kalkfontein - eines der "modernen" Townships Südafrikas. Modern heißt: Vor etwa zehn Jahren begannen schwarze Einwanderer, sich auf dem ehemaligen Brachgelände Blechhütten zu bauen und hier zu leben. Woche für Woche, Monat für Monat kamen neue Blechhütten dazu, ein neuer Stadtteil in der Nähe Kapstadts entstand. Und die Bezirksregierung schaltete sich ein. Elektrizität wurde verlegt, für umgerechnet einen Euro im Monat bekommt jeder Strom. Wasserleitungen wurden eingerichtet - gratis. Für ein Township geht's hier regelrecht komfortabel zu. Doch auch in Kalkfontein ist die Kriminalität ein großes Problem.
"Hier in Kalkfontein leben mittlerweile über 20.000 Menschen. Es gibt viele Fußballvereine, aber nicht einen einzigen vernünftigen Fußballplatz. Baut den Kindern vernünftige Plätze und die Kriminalität wird sinken", sagt Joe Masukinda. Der 61-Jährige arbeitet im Township ehrenamtlich als Fußballtrainer. Und seine These lautet: Fußball bedeutet Beschäftigung. Und wer beschäftigt ist, geht nicht auf Raubzüge. Gewalt ist eines der größten Probleme im Township. Man spricht von einer Arbeitslosenquote von 75 Prozent, in jeder Sekunde eines Tages passieren Raubüberfälle, nirgendwo sterben mehr Menschen eines gewaltsamen Todes.
"Sind genau im Zeitplan"
Natürlich hoffen die Schwarzen und Coloureds Südafrikas nicht nur auf neue Fußballplätze. "Die WM wird Jobs bringen. Die Stadien, die Hotels, Straßen - das muss ja alles gebaut werden", meint Joe. Kaum vorstellbar, was passieren würde, nähme man Afrika die Veranstaltung wieder weg. "Das wäre eine unvorstellbare Enttäuschung für die Leute. Wie sie reagieren würden? Ich weiß es nicht."
Immer wieder wurde in den vergangenen Wochen und Monaten aber genau dies diskutiert. Schafft Südaffrika den rechtzeitigen Bau der Stadien? Wird das Land seine Probleme im Personen-Nahverkehr in den Griff bekommen? Gibt es stimmige Konzepte gegen die problematische Kriminalitätsquote? "Natürlich wird das Land die WM stemmen können. Zweifel daran sind regelrecht absurd", sagt Danny Jordaan. Der 53-Jährige ist Chef des lokalen Organisationskomitees und versteht die Aufregung nicht: "Wir sind mit dem Bau der Stadien und der Infrastruktur insgesamt ganz genau im Zeitplan. In Durban und Port Elizabeth wurde schon mit dem Bau begonnen, lediglich in Kapstadt gibt es noch Fragezeichen." Dort verzögert sich der Baubeginn, weil die Grundstückfragen des anvisierten WM-Geländes noch nicht geklärt werden konnten.
Wird dort nicht noch im Januar mit dem Bau begonnen, plant das Organisationskomitee einen kurzfristigen Wechsel in eine andere Stadt. Bewerber stehen schon Schlange und könnten gleich mit den Arbeiten beginnen. Jordaan ist sich sicher: "Ende 2008 werden alle Stadien fertig sein."
"Wie in Las Vegas"
Überrascht von den Fortschritten der WM-Vorbereitungen war Jürgen Rollmann. Der Ex-Fußballtorhüter, der einst für Werder Bremen und den MSV Duisburg in der Bundesliga spielte, war während der WM 2006 Koordinator der Bundesregierung und besuchte das Land am Kap im vergangenen Oktober zum Erfahrungsaustausch. "Ich habe einen absolut positiven Eindruck. Die Regierung steht voll hinter der WM, die Vorbereitungen sind in vollem Gang. Insgesamt hatte ich mir nicht vorstellen können, welch hohen Lebensstandard die Leute hier genießen. Das hat ja nichts mit unserem herkömmlichen Bild vom hungernden Afrika zu tun. Wenn man in Städten wie Johannesburg oder Kapstadt steht, könnte man auch meinen, man stünde in New York oder Las Vegas."
Der südafrikanischen Wirtschaft geht's glänzend

Tatsächlich geht es der südafrikanischen Wirtschaft glänzend. Branchen wie Telekommunikation, Bankenwesen und Tourismus boomen, jährlich verzeichnet das Land derzeit ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent. Seit Anfang Oktober im Land ist Andreas Henkel. Er wurde von der Sportartikelfirma Adidas im Hinblick auf die WM 2010 als Marketing-Chef ans Kap geschickt.
"An die Regeln halten"
Fühlt er sich angesichts der hohen Kriminalitätsrate sicher? "Aber ja", sagt Henkel, "wenn man sich an die Regeln hält, kann einem eigentlich nichts passieren." An die Regeln halten bedeutet: Nicht nachts allein durch ein Township gehen, dunkle, einsame Ecken in den Städten meiden, nicht zu offen mit Wertgegenständen herumwedeln. Regeln, die man auch in allen anderen großen Städten dieser Welt beherzigen sollte.
Ganz massiv griff die Regierung in den Arbeitsmarkt ein, als sie bereits vor Jahren von allen Unternehmen, die an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen wollten, einen schwarzen Arbeitnehmeranteil von 60 Prozent zur Auflage machte. Strukturpolitik, die bereits spürbare Auswirkungen auf die Kaufkraft der Leute hat. "Es ist hier eine neue schwarze Mittelklasse entstanden, die 'Black Diamonds' genannt wird. Für Unternehmen wie uns ist das eine sehr interessante Bevölkerungschicht, denn hier sehen wir auf Dauer sehr großes Potenzial", erklärt Adidas-Mann Henkel. Und auch er ist sich sicher: "Für uns gibt es keinen Zweifel: Natürlich wird die WM hier stattfinden."