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Ich will hier raus

 
Die WM 2010 in Südafrika
Ganz besonders die schwarze Bevölkerung des Landes hegt große Hoffnungen im Zusammenhang mit dem Mega-Event: Neue Jobs, Perspektiven, ein besseres Leben. sport.ARD.de hat Khayelitsha, Südafrikas zweitgrößtem Township, einen Besuch abgestattet.
 
Sie sind schon auf ihrer dritten Runde. Es ist verdammt heiß an diesem Nachmittag in Khayelitsha, aber die 30 Kinder und Jugendlichen des Fußballklubs "Masakhani United" laufen bei sengender Sonne und rund 30 Grad Lufttemperatur ergeben immer weiter um den Fußballplatz. "Masakhani United" heißt auf deutsch so viel wie "Wir machen's gemeinsam" - der Name ist hier Programm: "Wir müssen uns vor dem Training zusammen warmlaufen", erklärt Karabu Khoebeni, der sich etwas verspätet hat und noch dabei ist, seine alten, durchlöcherten Fußballschuhe an die Füße zu binden. "Danach machen wir Dehnübungen, bevor wir anfangen dürfen zu spielen."
Dass er sich ein paar Minuten verspätet hat, nimmt ihm hier keiner übel, schließlich ist es ein weiter Weg zum Platz. Eine knappe Stunde musste Karabu zu Fuß gehen. Einen fahrbaren Untersatz hat er nicht. Hat hier keiner. Öffentliche Verkehrsmittel gibt's in Khayelitsha sowieso nicht.
 
Kinder leiden unter Vernachlässigung
 
Khayelitsha, ("neues Haus") - wie ein schmuddeliger Wasserkopf hängt das riesige Township an Kapstadts ansonsten glänzendem Körper. Wellblechütten soweit das Auge reicht, viele ohne Strom und fließendes Wasser, die Krminalitätsrate ist enorm, man spricht von einer Arbeitslosenquote von 75 Prozent. In jeder Nacht gibt es auf der ehemaligen Schutthalde Überfälle, ein Menschenleben ist hier nicht besonders viel wert. Geschätzte 1,5 Millionen Menschen leben hier. "Vor allem die Kinder leiden unter Vernachlässigung" erklärt Wayne Golding. Der 34-Jährige ist Sozialarbeiter, arbeitet im Auftrag der staatlich-kirchlichen Sozialorganisation "Youth Unlimited" als Streetworker auf Khayelitshas staubigen Straßen und Wegen und hat vor vier Jahren ein Fußballprojekt für die Kids und Jugendlichen gegründet.
 
"Die Kinder und Jugendlichen hier haben normalerweise keinerlei Perspektiven. Viele von ihnen gehen mittlerweile zwar zu einer Schule, danach aber haben sie den ganzen Tag nichts mehr zu tun", erklärt der in Durban geborene Golding. "Sie hängen herum, werden kriminell. Später landen sie dann als Bettler oder Kriminelle auf den Straßen in der Innenstadt." Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, hat "Youth Unlimited" begonnen, den Kids Beschäftigung, Aufgaben zu geben. Fußball ist eine dieser Beschäftigungen.
 
Deutschland-Reise als Schlüsselerlebnis
Die Kids greifen begierig nach dem kleinsten Strohhalm, der Hoffnung auf einen Ausweg aus dem trüben Township-Leben verspricht. "Youth Unlimited" kann solche Strohhalme bieten. 2003 beispielsweise bekamen Golding und sein schwarzer Kollege Taski Sithole, der bei Masakhani United so etwas wie Trainer aller Altersklassen ist, auf Einladung der Caritas die Gelegenheit, mit einem Team nach Deutschland zu reisen, um dort einige Freundschaftsspiele zu bestreiten.
 
Mit dabei: Der heute 21-jährige Sizwi, der auf einen kleinen Plausch beim Trainingsplatz vorbeikommt. "Ich habe damals gesehen, dass es ein Leben neben Khayelitsha gibt. Seit dieser Reise nach Deutschland weiß ich eines: Ich will hier raus. Und das kann ich nur schaffen, wenn ich viel lerne und arbeite." Sizwi geht mittlerweile auf ein College, dass die Regierung Südafrikas vor drei Jahren an den damaligen Rand Khayelitshas gebaut hat. Heute liegt es mitten drin - wie Pilze sprießen monatlich ganze neue Wellblechhütten-Siedlungen in Kayelitsha aus dem sandigen Boden. Die Menschen hier werden immer mehr. Sizwi will Bauingenieur werden. Fußball spielt er mittlerweile nicht mehr in Taskis und Waynes Team, er wechselte in einen anderen der insgesamt 120 Vereine, die es im Township gibt.
 
"Brauchen nichts mehr als Fußballfelder"
Wie alle in Südafrika hoffen auch Golding und sein Kollege Taski auf die WM: "Wir brauchen nichts mehr, als Fußballfelder für unsere Kids. Schau mal", sagt Taski und zeigt einmal um sich herum auf eine einer Mondlandschaft ähnelnde Kraterfläche, "auf diesem Schuttgelände hier spielen insgesamt fünf Vereine Kayelitshas mit ihren jeweils etwas sechs Mannschaften regelmäßig Fußball. Diesen Schuttplatz überhaupt Fußballfeld zu nennen, weigere ich mich."
 
Quelle: ARD.Sport