Der Chef-Ausbilder denkt international
Vor sechs Jahren kaufte Ajax Amsterdam Anteile an einem südafrikanischen Fußballverein und nannte ihn in "Ajax Kapstadt" um. Man wollte die afrikanischen Talente vor Ort ausbilden, bevor man sie nach Europa holt. Chef-Ausbilder bei Ajax Kapstadt ist ein Deutscher mit südafrikanischen Wurzeln. Der nach niederländischem Prinzip arbeitet.
Marc Grüne weiß, wie er dem "Southeaster" zu begegnen hat. Eine warme Trainingsjacke hat er an, dazu sitzt auf dem Kopf des 36-jährigen Fußballfachmanns eine schattenspendende Kappe. Es weht der typische Südostwind über dem sonnigen Kapstadt. Ein kräftiger trockener Wind, der vom Indischen Ozean kommt und bei ungeübten Besuchern der südafrikanischen Kapregion gerne mal für Erkältung und Sonnenbrand gleichzeitig sorgt.
Grünes Konzentration gilt in diesem Moment allerdings ganz anderem. Er steht auf dem weitläufigen Trainingsgelände von Ajax Kapstadt und beobachtet eine Übungseinheit der "Unter 17"-Mannschaft des Klubs. Macht sich ein Bild von Stärken und Schwächen der einzelnen Spieler, die allesamt den großen Traum vom Profifußball träumen. "Dieser Jahrgang ist einer der wichtigsten für uns. Wenn die Jungs 15 und 16 Jahre alt sind, müssen sie über das Fußball-Rüstzeug wie Technik, Spielverständnis und taktische Grundlagen verfügen. Dann beginnt sozusagen die Feinarbeit", erklärt Grüne.
Allein die Tatsache, dass die jungen Fußballer - es sind übrigens die für Südafrika typischen Hautfarben schwarz, weiß und gemischt allesamt im Team vertreten - ihren Sport bei Ajax lernen, ist schon ein ganz besonderes Privileg. Das Ausbildungssystem des ambitionierten Erstligisten gilt als beispielhaft für den gesamten Kontinent. Und Marc Grüne ist in seiner Funktion als Chef-Ausbilder des Vereins so etwas wie die Schlüsselperson dieses Systems.
Talente sollen vor Ort ausgebildet werden
In Johannesburg geboren, besuchte Grüne eine deutsche Schule, ging nach dem Abitur zum Studium nach Deutschland, schloss sein Sportstudium gerade ab, als Ajax Amsterdam 51 Prozent Anteile an zwei südafrikanischen Klubs kaufte und den neuen Verein in "Ajax Kapstadt" umbenannte. Die afrikanischen Talente sollten in ihrer gewohnten Umgebung nach europäischen Maßstäben ausgebildet werden. Das Ziel: Es sollten nur noch jene Talente nach Europa geholt werden, die der mentalen Belastung in der Fremde gewachsen sein würden und auch fußballerisch schon alles mitbringen sollten, um sich bei Ajax gleich heimisch fühlen zu können.
Als Trainer und Jugend-Koordinator bei Ajax mit dabei: Marc Grüne. "Es wurden für afrikanische Verhältnisse außergewöhnliche Arbeitsweisen eingeführt: Mit Bussen wurden die Kinder und Jugendlichen Tag für Tag nach der Schule zum Klubgelände geholt, wo sie alle erst einmal eine warme Mahlzeit bekamen. Im Anschluss an den Nachmittag bei uns, wo sie im Training nach dem Prinzip der Ajax-Jugendschule Passpiel, taktisches Verhalten und Spielsystem beigebracht bekamen, wurden sie zum Abschluss des Tages alle wieder nach Hause zurückgefahren", erklärt Grüne.
Weniger Talente, als erwartet
Die Resultate stellten sich schnell ein: Innerhalb kürzester Zeit dominierte Ajax alle Jugendligen der Region. Der Transfer von Talenten nach Europa allerdings ging nicht so schnell, wie vielleicht in Amsterdam erhofft. Nach Steven Pienaar, der mittlerweile nach Borussia Dortmund weiterverkauft wurde, schaffte mit dem 19-jährigen Stanton Lewis in diesem Sommer erst das zweite Kapstädter Talent den Sprung zu Ajax. "Vielleicht haben sie gehofft, dass mehr Spieler den Sprung schaffen. Aber die Ausbildung von Talenten kostet Zeit. Und noch ist das Projekt ja erst sechs Jahre alt", meint Grüne.
Die äußeren Zeichen abgeflauten Interesses in Amsterdam sind aber spürbar. Die zwei ständigen niederländischen Mitarbeiter in Kapstadt wurden abgezogen, die früher tägliche Kommunikation zwischen den beiden Kontinenten beschränkt sich nunmehr auf ein paar Telefonate im Monat.
Jugend fängt finanzielle Probleme auf
Dass sich gute Jugendarbeit nicht nur an der Exportquote von Talenten nach Europa ablesen lässt, ist derzeit an der 1. Mannschaft des Vereins ablesbar. Obwohl dem Klub vor einem Jahr der örtliche Hauptsponsor abhanden gekommen ist, und man seither mit deutlich reduziertem Etat wirtschaften muss, spielt das Profiteam um den deutsch-türkischen Trainer Muhsin Ertugral in Südafrikas Premier League ganz vorn mit. "Ein Großteil dieser Jungs aus der Profimannschaft kommt aus unserer Jugendabteilung. Wenn ich das sehe, macht mich das schon stolz", sagt Grüne. Und dreht sich wieder zum Trainingsfeld. Wo ihm der "Southeaster" mitten ins Gesicht bläst.